Unsere Gesellschaft treibt schon eigenartige Stilblüten. Höher weiter schneller heißt die Devise – egal um welchen Preis. Selbst im privaten Bereich greift’s um sich. So stellt Star-Koch Jamie Oliver heute sein neues Buch 15-Minuten-Küche vor. Kann man Genuss und Muße denn beschleunigen … selbst beim Kochen? Jamie Oliver 15-Minuten-Küche Frei nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ werden im Arbeitsleben Jobs zusammengelegt, die selbe Arbeit auf weniger Schultern verteilt, Ressourcen gekürzt und dennoch die Ziele erhöht. Stetiges Streben nach mehr Effizienz und größerem Profit rechtfertigt vermeintlich alle Maßnahmen. Kritische Warnungen wie Schlagzeilen „Burnout-Rate dramatisch gestiegen“ oder „steigende Infektionsraten in Krankenhäusern auf Grund mangelnder Hygiene“ (siehe aktuelle Sendung Kontraste im Ersten) werden dabei mit der Attitüde „Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne“ unter den Tisch gekehrt. Selbst vor unserem privaten Umfeld, dem Bereich, in dem wir auftanken wollen, macht dieser Effizienz-Wahn keinen Halt. Nach den 30-Minuten Rezepten gibt Jamie Oliver jetzt die 15-Minuten Rezepte heraus. Der beliebte britische Koch, der stets die Fahne für nachhaltiges, selbst gekochtes, gesundes Essen hoch hält, sieht sich genötigt, „schnelle“ Rezepte zu entwerfen: Sicher haben diese Bücher ihre Daseinsberechtigung. Schnell selber zu kochen ist gewiss immer noch besser, als Fertiggerichte mit chemischen Zusatzstoffen zu sich zu nehmen. Jamie Oliver stellt auch hier in gewohnter Manier mit viel Liebe zum Kochen und Essen seine Gerichte vor.

Dennoch bringt mich allein die Tatsache ins Grübeln, dass es in unserer Gesellschaft offensichtlich eine Notwendigkeit für diese Titel gibt. Ich frage mich: Wo bleibt da die Gemütlichkeit? Wo die Muße zum Entspannen? Wo die Freude am gemeinsamen Zubereiten und Genießen?

Das kommt zum Beispiel eher in seinen Bücher „Genial italienisch“ oder „Jamie unterwegs“ zur Geltung. Sie erzählen von der Freude am Reisen und Kochen, von Menschen und deren Eigenarten. Diese Bücher zu lesen ist nicht nur kulinarischer Genuss, sondern gleich ein Ausflug in die Zielregion. Quasi Urlaub vom Alltag – daheim am Kochtopf. Das trifft eher meine Vorstellung von Entspannung, als auch noch daheim immer schnell schnell alles erledigen zu müssen. Und genau diese Muße und Zeit für Essen und Zubereitung haben wir in unserem Kochkurs in Marrakesch kennen und schätzen gelernt. Dort nimmt man sich Zeit für einen Plausch in den Souks (dem Markt) über die Zubereitung der Speisen bis hin zum gemeinsamen Genießen und geselligen Beisammensein.